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  • "ErichSchreiner" started this thread

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Tuesday, August 10th 2010, 2:43pm

golgotha

Hallo zusammen. Hab leider schon länger nichts mehr geschrieben, war aber vor 6-8 Jahren auf kurzgeschichten.de sehr aktiv. Da ich aber wenigstens einmal bei einem Hohlbein-Preis mitmachen möchte, und der nächste ja bald anstehen dürfte, wird es Zeit wieder etwas 'warm' zu werden.



Unten hab ich eine Kurzgeschichte von mir von 2002 reinge-pasted, die 2003 den Poeticus ShortStory Wettbewerb gewonnen hat (von 330 Geschichten...). Würd ich heute stellenweise evt anders schreiben (zu viele adjektive, show don't tell, etc), aber im Kern passts noch :)



Kommentare sind natürlich willkommen.
Irgendwie hats jetzt die formatierung rausgeballert, fürchte ich, dh zeilenumbrüche stimmen nicht mehr, aber sollte auch so lesbar sein...


golgotha : aciel

Die zwei blutrot glühenden Nachmittagssonnen waren fast hinter dem Horizont verschwunden, als ein leichter Wind aufkam, der die Asche der Verlorenen über das große Areal des verfallenen Stadions, und die darin im Kreis angeordneten Steinstatuen wirbeln ließ. Es hatte stark abgekühlt.Der graue Komplex war in einem der entlegendsten Winkel der letzten großen Zivilisation errichtet worden. An der Grenze zum Nichts.Die Golgothas waren gefürchtet. Wer hierher gebracht wurde, hatte keine Chance auf Gnade.Die Regulatoren führten ein eisernes Regime, ihre Macht beruhte auf Angst und Kontrolle. Golgotha war das Fundament ihrer Herrschaft, die Bibel der Inquisition. Erschaffen, um für immer die Spreu vom Weizen zu trennen.Dex fröstelte. Er hatte sich im Schatten eines vier Meter großen Steindrachen auf den Boden gekauert und starrte angewidert eines der unzähligen, vom Feuer geschwärzten Stahlkreuze an, die aus Metallschrott zusammengeschweißt worden waren. Der Koloß war so groß wie ein aufgestellter Linienbus. Käfige und Ketten zierten seine Oberfläche, Handschellen klirrten im kalten Nachmittagswind und ließen Dex unmerklich zusammenzucken. Ein gewaltiger Berg aus Asche, Knochen, Zahnkronen, künstlichen Hüftgelenken und anderen Errungenschaften der modernen Medizin, türmte sich mehrere Meter am Fuß des Mahnmals auf.Nachdenklich senkte er den Kopf. Das Regime duldete keine Demagogen oder Propheten, die gegen seine erlassenen Gesetze wirkten, und entschuldigte seine akurate Handlungsweise mit dem Erhalt der letzten, hoch entwickelten menschlichen Zivilisation. Unterdrückung als Mittel zu ihrem Schutz.Dex` unruhiger Blick ruhte nun wieder auf einem alten, mit Panzerplatten verstärkten Van, der nicht weit von ihm entfernt abgestellt worden war. Sein Begleiter war vor einem Tag mit einem Motorrad aufgebrochen. Er wollte den zuständigen Operator kontaktieren, der die Reinigung der verlorenen Seele durchführen sollte. Dex` Aufgabe war, den Van zu bewachen.Eigentlich wurden Verbrennungen groß in Szene gesetzt, um die Bevölkerung der Randgebiete bei der Stange zu halten. Dieses Mal jedoch nicht. Das Stadion war weit davon entfernt, lebendig zu wirken.„Laß die Finger von dem Wagen“, hatte Louis ihm befohlen. „Geh nicht in seine Nähe. Paß nur auf, daß er noch da ist, wenn ich mit dem Operator zurückkomme...“ Der Prediger hatte ihn mehrmals davor gewarnt, den Van zu öffnen. Dex konnte es sich nicht leisten, zu widersprechen. Die Zeiten waren schlecht.Nachdenklich kaute er auf seiner Lippe herum, während er auf die verschlossenen Türen starrte. Gleichzeitig spielte er abwesend mit den Schlüsseln in der Tasche seines verstaubten Dusters, die ihm Louis für einen etwaigen Notfall dagelassen hatte. Der Prediger ließ sich Zeit.Ein dumpfer Schlag aus dem Innern des Vans ließ ihn zusammenzucken. Er zögerte.Louis hatte ihm nahe gelegt, lieber keinen Blick zu riskieren. Er hatte gesagt, der Killer würde jede Chance nutzen, er wäre unberechenbar. Andererseits, wenn der Kerl gerade krepierte, würde jemand anderes brennen. Zum Beispiel jemand wie Dex, der keinen Clan hinter sich stehen hatte. Asche wurde aufgewirbelt, als er unentschlossen zu dem abgenutzten Wagen ging. Mehrere Roststellen zierten den Van dort, wo der schwarze, ausgebleichte Lack schon abgeblättert war. Die Stoßstange hing schief, der Spoiler war angebrochen.Vorsichtig strich Dex mit der Hand über das kalte Metall. Erschrocken zog er sie schnell zurück, als das Geräusch von Ketten erklang, die im Innern über den Boden schleiften. Ein leichtes Kribbeln stellte seine Nackenhaare auf, mahnte ihn zur Vorsicht.Nervös umrundete er das Gefährt, und blieb schließlich vor der Heckklappe stehen.Sollte er es riskieren? Was, wenn Louis gerade jetzt zurückkommen würde? Überraschung. Was, wenn erst übermorgen? Dex kannte das Ritual der Reinigung nicht genau. Wie die meisten Bewohner der Megaplexe, hatte er bis jetzt einen großen Bogen um die unzähligen Golgothas ihrer verbrannten Welt gemacht. Verbrannte Erde war alles, was er kannte. Das Leben hatte sich auf die unter der Herrschaft des Regimes stehenden, letzten Städte reduziert.Die Golgothas waren für die Bewohner der Randgebiete errichtet worden. Abwechslung für ihr karges Leben, Endstation für verurteilte Ketzer und Kriminelle.Unentschlossen trat er von einem Fuß auf den anderen, fror. Er wollte wieder zurück zum Drachen gehen, als er leise ein angestrengtes, dumpfes Keuchen vernahm. Die letzten Atemzüge eines Sterbenden...so klang es jedenfalls für Dex. Er wollte keinen Ärger bekommen. Der Kerl mußte überleben.„Oh brenn in der Hölle...“, fluchte er genervt, sah sich verstohlen um und schloß auf. Abgestandene Luft ließ Dex kurz aufhusten und er verzog angewidert das Gesicht. Dann stockte ihm der Atem.Er hatte mit allem gerechnet. Nur nicht mit diesem, vor ihm liegenden Bündel Elend, das sich unter dem Einfluß eines stark pulsierenden Celrons vor Schmerzen auf dem verschmutzten Boden der Ladefläche wand. Der Celron, ein beliebtes Instrument des modernen Exorzismus, hatte sich wie eine Spinne auf ihrer Brust festgesetzt und folterte ihren geschundenen, verschwitzten Körper mit schweren Stromschlägen, die in regelmäßigen Abständen ihr Blut zum Kochen brachten.Ihre Hand- und Fußgelenke waren mit schweren Ketten gefesselt worden.Die großen, glasigen Augen der jungen Frau starrten ihn flehend an. In diesem Moment verfluchte Dex das Regime und seine archaischen Praktiken. Seine Rasse hatte sich in all den Jahren ihrer isolierten Monokultur nicht wirklich weiter entwickelt.Er wollte gehen. Bevor er sich auf etwas einließ, das ihm den Kopf kosten konnte, wollte er gehen, doch der traurige Blick des leidenden Mädchens hielt ihn gefangen.„Ma 'se do thoil e?“, stöhnte sie leise und streckte zitternd die Hand nach ihm aus. Ihre Lippen waren ausgetrocknet, die bleiche Haut spröde. Dex hob entschuldigend die Schultern, während sie ihn erwartungsvoll anstarrte. Er mußte raus hier, schnell.„Bi-...Bit-te...? Hilfe..?“ Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten und wäre hinausgelaufen. Sieh nichts Böses, hör nichts Böses, sprich nichts Böses...Aber er konnte nicht. Seine kümmerliche Existenz war bei ihrer Erschaffung mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gestraft worden, der durch seine liberale Erziehung nur noch verstärkt worden war. Das Mitgefühl würde ihn eines Tages noch das Leben kosten.Er steckte sein hinter dem Rücken verborgenes Messer zurück in den Stiefel und kniete sich neben das Mädchen.„Was...willst du?“, fragte er unsicher. „Hast du Hunger? Essen?“ Er deutete mit dem Finger in den Mund. „Uisge...Was-ser. Bit-te?“ erwiderte sie heiser. „Tha am pathadh orm...“ Dex nickte und löste seine Feldflasche vom Gürtel, setzte sie an ihre Lippen. Sie schlürfte die abgestandene Brühe gierig in sich hinein, hustete schwer.„Langsam...“, beruhigte er sie, und legte seine Hand auf ihre fiebrige Stirn. „Langsam...du mußt dich erst wieder daran gewöhnen.“„Aye...“ Das Mädchen lächelte ihn dankbar an. Ein erbarmenswürdiges, trauriges Lächeln, dessen Funken Hoffnung nicht sterben mochte. „Also gut...“, begann er unsicher, „...ich muß...ich muß gehen. Tut mir leid...“ Er konnte ihren Anblick nicht länger ertragen und wollte aufstehen, doch ihr erstaunlich kräftiger Griff hielt ihn zurück, zumindest redete er sich das ein. „Ich kann nicht...“Dé tha an t-ainm ort?“„Ich verstehe nicht...“ Sie überlegte kurz, deutete schließlich auf sich selbst.„Aciel...“ „Oh...Dex“, antwortete er. „Mein Name ist Dex.“„Dex...“, wiederholte sie lächelnd und sah ihn erwartungsvoll an. Dex mußte schwer Schlucken, als er an ihr bereits beschlossenes Schicksal dachte. Warum nur?Plötzlich begann der Generator des Celron laut zu summen. Die Luft knisterte.Aciel riß ängstlich die Augen auf und umklammerte Hilfe suchend Dex` Hand, zitterte am ganzen Körper.„Dex? Bit-te?...“ Er senkte betreten den Kopf. Aciel begann heftig zu atmen und schlug wild um sich. Dann entlud sich die Energie des Celron in ihren Körper und sie bäumte sich vor Schmerzen schreiend auf. Nach einigen Sekunden wurde sie ohnmächtig, wie so oft in den letzten Tagen.Schwer atmend lag sie auf dem abgewetzten Boden des Wagens, nass von ihrem Schweiß, ihren Tränen. Asche wurde in Dex` Gesicht gewirbelt, als er traurig ins Freie stolperte. Er wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen. Die Asche... die gottverdammte Asche und ihre Herrscher.Dex fühlte sich schlecht. Er atmete tief ein, verschluckte ein paar Ascheflocken und begann heftig zu husten. Er wollte nur noch weg von hier...

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„Ich gehe auf keinen Fall ohne Begleitschutz in die äußeren Ringe“, fauchte Avram. „Du bist wohl meschugge, Prediger?“ Er schenkte sich ein Glas Wein ein, bot dem Templer ebenfalls etwas an.„Nein danke, Operator“, erwiderte Louis. „Versteht doch, diese Order kommt direkt aus Ankhrom...“, er richtete seinen verstaubten, eigentlich weißen Umhang zurecht, „...es ist wirklich dringend, und...“„Ist mir egal, wo diese Order herkommt. Auf meinem Kalender ist keine Reinigung für diesen Zeitraum eingetragen.“ Avram grinste selbstzufrieden. „Kein Eintrag, keine Organisation, kein Event.“ Provozierend verschränkte er die fleischigen Arme vor seinem korpulenten Körper.Das eindringliche Heulen des Abendwindes war hier unten nur leise zu hören. Es hatte wieder abgekühlt. Wie jeden Abend fegte der Avarish über die Aschewüsten der einst lebendigen Erde, und vergrub einen Beweis für die Existenz hochentwickelten Lebens nach dem anderen unter den schwarzen Massen. Das Heulen würde bis in die frühen Morgenstunden andauern.„Wie Ihr wünscht...Regulator Luther wird über Eure Reaktion sicher nicht erfreut sein“, drohte Louis. Avram zuckte bei der Erwähnung Luthers unmerklich zusammen. „Er hat auf Euch und Euere Kompetenz als Operator der südlichen äußeren Ringe gesetzt. Ihr steht hoch in seiner Gunst...noch.“ Lächelnd schenkte sich Louis nun doch ein Glas der roten, synthetischen Flüssigkeit ein. Avram wischte sich mit einer Hand eine Schweißperle von der Stirn.„Heiß, hier drin...“ Er schien angestrengt nach einer Lösung zu suchen, die ihm die Mühen, seinen ausladenden Leib in eines seiner Golgothas zu schaffen, ersparen würde. „Was ist denn so wichtig, daß es nicht warten könnte?“ Avram schenkte nach.„Jemand muß beseitigt werden, schnell. Gründlich...“„Warum schneidest du ihm nicht einfach den Kopf ab, Prediger? Verscharr den Rest in einer der Aschewüsten, dort wird ihn niemand finden.“ Avram lachte laut, allerdings wenig überzeugend. „Es ist Luthers Wille“, zischte Louis scharf. „Sie soll im Feuer eines Golgothas gereinigt werden...bis nichts mehr von ihr übrig ist.“ Avram sah ihn nur verwirrt an, folgte ihm mit seinen stechenden Augen, während Louis ruhig den mit bequemen Sitzgelegenheiten eingerichteten Empfangsraum abschritt. Neben einer Vitrine, die Inquisitionsschriften seiner Vorfahren enthielt, blieb er schließlich stehen. „Regulator Luther ist ein sehr gläubiger Mann, Operator. Er hält sich strikt an das Erbe unserer Väter. Sie soll und sie wird im Feuer Eures Golgothas brennen, bis auch der letzte Rest von ihr zu Asche zerfallen ist. Nichts als Asche.“ Louis hatte langsam genug davon, mit dem Operator zu verhandeln. Der Dickkopf spielte mit seinem Leben, ohne die kritische Lage der Situation auch nur im Entferntesten richtig einzuschätzen.Louis betrachtete fasziniert den handgeschnitzten Esstisch, der das Zentrum des Raums bildete. Relikte wie dieser Tisch zeugten von besseren Zeiten. Den Rohstoff Holz gab es schon lange nicht mehr. Nur noch Asche.„Woher weist du soviel über den Regulator“, wollte Avram wissen. „Du bist nur ein Prediger...unterste Klasse, wie...“ Louis unterbrach Avram grob.„Ihr solltet nicht von Äußerlichkeiten, wie dem hier...“, er klopfte demonstrativ auf seinen desolaten Umhang, „...auf meine Befugnisse als persönlicher Abgesandter des Regulators schließen. Haltet Euch an den Codex der Inquisition, befolgt die Regeln. Dann...“„Du drohst mir?“, unterbrach ihn Avram überrascht.„Ich helfe Euch, Operator“, erwiderte Louis ruhig. Innerlich kochte er vor Wut. „Ob Ihr meine Hilfe annehmt, bleibt Euch alleine überlassen.“ Avram wollte einhaken, doch Louis winkte ab.„Genug jetzt. Bereitet Euch für unsere kleine Reise vor...wir brechen morgen früh auf. Sorgt dafür, daß Ihr da seid.“Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ Louis den mit teuren Kacheln ausgelegten Raum.Seine Schritte hallten noch lange in Avrams Kopf nach, der sich kopfschüttelnd in einen weichen, mit Samt überzogenen Sessel sinken ließ.Das Heulen des Avarish verfolgte Louis in seinen Träumen, erinnerte ihn an die zornigen Seelen unzähliger, verbrannter Menschen, die ihn mit weit aufgerissenen Mündern vorwurfsvoll anstarrten. Ermordet auf Befehl des Regimes, dessen Macht seit Jahren langsam schwand. Geschwächt durch Gerüchte über eine vergessene Macht aus dem Norden, die sich wie Krebs durch die Megaplexe fraßen, und die Menschen aufhorchen ließen. Die Schläfer erwachten mit der Hoffnung, das Regime könnte nach all den verzehrenden Kriegen doch noch besiegt werden.Das Mädchen mußte sterben.

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Trotz des Heulens schlief Aciel, eingewickelt in Dex` Schlafsack, friedlich vor sich hin. Zumindest sah es so aus. Der letzte Stromschlag war noch nicht lange her, und seit ihrer anschließenden Ohnmacht, hatte sie sich nicht mehr bewegt.Dex hielt Wache. Er saß neben dem geschundenen Mädchen, das Katana und die HK-Delta griffbereit. Er war froh, die Nacht hier im Van zu verbringen. Die Aschewüsten und insbesondere die Golgothas waren beliebte Ziele von Plünderern und anderen Kreaturen, die erst im Schutz der Dunkelheit aktiv wurden. Wertvolle Mechaniksubstitute der Verbrannten konnten auf den Schwarzmärkten der Plexe teuer an Krankenhäuser und Straßenärzte verkauft werden. Die Herstellung solch gefragter Produkte wurde immer teurer.Während das monotone Heulen des Windes seine Sinne betäubte, starrte Dex auf Aciels schwarzes, verklebtes Haar und dachte über die letzten Stunden nach. Sie sprach keinen unbekannten Dialekt, für den er ihre melodiösen Worte erst gehalten hatte. Es war eine vollständig entwickelte, eigene Sprache. Doch das war unmöglich. Sein Volk hatte alle anderen Kulturen im Laufe der letzten Jahrhunderte vernichtet. Er hatte den letzten Schlachten selbst beigewohnt. Es gab nur noch eine Sprache.Dex verdrängte seine an die Oberfläche drückenden Erinnerungen, während die mittlerweile starken Böen den Van leicht vibrieren ließen.Seit er seine Unterschrift unter den Standard-Dienstvertrag gesetzt hatte, mußte er sich über diesen Job wundern. Er war mit Louis in der Nacht aufgebrochen, sie hatten sich davongestohlen wie zwei Diebe, die unentdeckt bleiben wollten. Sie waren nur zu zweit. Warum, wenn Aciel so wichtig war? Sie sollte wohl ohne großes Aufsehen ermordet werden, unerkannt.Dex war nicht in der Lage, unerwünschte Fragen zu stellen. Der Job war lukrativ. Genau das, was er gebraucht hatte. Das Warum war ihm egal gewesen...bis jetzt.Er war sich sicher, daß Louis kein einfacher Prediger war. Der Mittdreissiger verhielt sich mehr wie ein Soldat. Außerdem hatte er ihn belogen, was Aciel anging.Dex fand den Prediger anfangs nicht unsympathisch. Und gerade deshalb fiel ihm ein Satz seines Ausbilders wieder ein: Die freundlichsten Menschen, sind auch die gefährlichsten...Plötzlich zuckte er zusammen. War da nicht gerade etwas? Stimmen vielleicht?Schlagartig begann sein Gesicht vor Aufregung zu brennen, und ein kalter Schauer lief seinen Rücken hinunter. War der Prediger schon zurück? Dex mußte so schnell wie möglich raus aus dem Van. Wenn Louis ihn hier bei Aciel fand, steckte er in Schwierigkeiten. Die Konsequenzen konnten drastisch ausfallen. Ein Haufen Asche unter einem Stahlkreuz.Leise nahm er das Katana und schlich hinaus in die kalte Nacht.Windböen peitschten in sein Gesicht und trieben ihm Tränen in die Augen. Überall wirbelte Asche durch die Luft. Die Szenerie erinnerte ihn an dichtes Schneetreiben...nur eben schwarz.Dex bewegte sich geschmeidig wie eine Katze. Seine jahrelang geschulten Fähigkeiten und Reflexe übernahmen die Kontrolle, während er lautlos durch die Dunkelheit schlich.Er ging hinter einem Steingolem in Deckung, der dem Van am nächsten war, und ließ angestrengt seinen Blick über das Stadion schweifen. Kein weißer Umhang war zu sehen, doch das bedeutete nichts. Geduckt schlich er von einem Gargoyle zum nächsten, darauf bedacht, keine auffälligen Bewegungen zu machen, die ihn verraten konnten. Ein Schatten hatte sich bewegt. Oder doch nicht? Alarmiert zog er sich, vor Adrenalin zitternd, hinter den Sockel eines Dämons zurück.Die verdammte Asche nahm ihm die Sicht. Er sah vielleicht vier bis fünf Meter weit.Der Van war nur noch schwer zu erkennen. Wie das verrauschte Bild eines schlecht empfangenden Monitors, stand er einige Meter entfernt in Ascheverwehungen, die bereits die verrosteten Radkästen erreicht hatten.Als Dex genauer hinsah, machte er eine verschwommene Bewegung aus. Jemand machte sich am Heck des Vans zu schaffen. Aciel...Besorgt hetzte Dex los. Nun war er für jeden zu sehen, doch das war ihm egal. Aciel war in Gefahr.Als er den Steingolem passierte, brach plötzlich ein Schatten aus der Dunkelheit. Instinktiv zog Dex das Katana aus der Scheide, spaltete das vermummte Gesicht seines Gegners mit einem horizontalen Hieb, nutzte die Energie seiner Bewegung und schlug dem Mann anschließend beide Beine knapp über den Kniescheiben ab. Der Plünderer brach röchelnd zusammen, zappelte stumm, wie ein an Land geworfener Fisch.Dex stürmte ohne zu zögern zum Transporter. Zwei weitere Gestalten am Heck des Vans wurden auf ihn aufmerksam, als er unbeirrt auf sie zuhielt. Ein dritter Plünderer lugte gerade durch das Fenster der Fahrerkabine. Es gab keinen Grund mehr, sich zu beeilen. Die Männer konzentrierten sich jetzt nur noch auf ihn.Die Plünderer machten einen verlumpten Eindruck. Ihre Kleidung war schäbig, hing teilweise in Fetzen an ihren verfrorenen Körpern herab. Die Gesichter wirkten ausgemergelt, zäh.Arme Menschen, gekommen um zu sterben. Dex zögerte keine Sekunde länger.Entschlossen trat er vor, blockte den Angriff des ersten Plünderers mit seiner Klinge, konterte zur linken Schläfe, deren Knochen knackend zerbarst, rammte dem Kerl die Schulter in die Rippen, setzte nach und trennte ihm abschließend den Kopf von den Schultern.Der Mann links von ihm wollte eine alte Pistole ziehen. Dex schleuderte das Katana in die Mitte seines Körpers und er brach gurgelnd zusammen, wand sich am Boden wie ein aufgespießter Wurm. Er konnte nicht schreien, japste nach Luft.Der letzte Kerl, ein stämmiger Brocken griff mit einem Messer Dex` Hals an. Dex blockte den Angriff, parierte den Stich über seinen Kopf hinweg und brach das Ellbogengelenk seines Gegners mit seiner Schulter und gezieltem Körpereinsatz. Der Mann schrie wie am Spieß, als sein Gelenk splitterte. Dex ließ den gebrochenen Arm los, zog einen rechten Ellbogen über das Gesicht seines Gegners, verabreichte ihm zwei Kopfstöße und brach ihm schließlich das Genick.Schwer atmend stand er inmitten der Plünderer und betrachtete ihre zerstörten Körper, die die Asche unter sich rot färbten. Der Kampf hatte nur Sekunden gedauert.Dex hatte genug vom Töten, doch es verfolgte ihn, wie ein auf ihm lastender Fluch. Er wurde immer und immer wieder dazu gezwungen. Nachdem er das Katana am Stoff eines der Toten gesäubert hatte, verscharrte er die Körper in der Asche. Angespannt ging er zum Van zurück.Er kletterte in den Wagen, schloß die Klappe und blickte in den Lauf seiner HK-Delta. Verdammt.Er hatte die Waffe vergessen, als er hinausgeschlichen war.Aciel wirkte verängstigt. Sie zitterte am ganzen Körper, während sie auf ihn zielte.„Aciel...“, begann er vorsichtig und hob beschwichtigend die Hände, „...es ist alles in Ordnung, ja? Gib mir die Waffe...du brauchst sie nicht mehr.“ Zögernd streckte er eine Hand aus. Aciel preßte sich mit dem Rücken an die Wand, atmete aufgeregt. Sie hatte Angst vor ihm.„Aciel. Ich tu dir bestimmt nichts...komm schon.“ Vorsicht bewegte er sich auf sie zu, rechnete jeden Augenblick damit, durchsiebt zu werden. Er hatte die HK auf Vollautomatik eingestellt, vorsichtshalber. Hatte er sie gesichert?
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Aciel.“Ihre geschwächten Muskeln begannen unkontrolliert zu zucken. Die HK zitterte unberechenbar in ihren aufgeriebenen, gefesselten Händen, begann Kreise vor seiner Brust zu ziehen.Nur noch wenige Zentimeter trennten ihn vom Lauf der Waffe. Er biß die Zähne zusammen und drückte ihn langsam nach unten. Aciel hatte aufgegeben.Erleichtert nahm er das bebende Mädchen in die Arme und beruhigte sie so gut er konnte.„Tha mi duilich...“, flüsterte sie leise. Dex strich sanft über ihre Haare.„Mir tut es auch leid, Aciel...“

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Draußen herrschte noch Dunkelheit, als Louis die Fenster seines Quartiers öffnete, und seinen Rücken streckte. Es war früher Morgen.Verschlafen setzte er sich vor einen niedrigen Metalltisch und begann den CommLink einzurichten. Er brauchte eine sichere Verbindung, bevor er den Regulator kontaktieren konnte.Sein Quartier war ein kleiner, karg eingerichteter Raum im ersten Stock der örtlichen Administration. Die Unterkunft eines Predigers, mehr nicht.Bevor Louis die Verbindung aufbaute, warf er einen Blick auf das Bild seiner Geliebten, die ihn wie immer freundlich anlächelte. Ob Gabrielle wohl auch gerade an ihn dachte? Sehnsüchtig erinnerte er sich an ihren frischen, anziehenden Geruch, ihr erheiterndes Wesen. Er vermißte sie sehr. Besonders wenn er hier draußen, in den Randgebieten unterwegs war. Louis seufzte.Dann bestätigte er den Verbindungsaufbau der CommStation, und der Link in das Herz des Regimes wurde generiert. Leises Rauschen.Mehrere Sekunden lang passierte gar nichts, dann folgten einige elektronische Beeps und eine ältere, tiefe Stimme erklang am anderen Ende der Verbindung.„Adept?“„Meister“, antwortete Louis. „Ich hoffe, mein Anruf kommt nicht ungelegen?“„Keinesfalls, mein Schüler...Wie stehen die Dinge? Ist unser Problem beseitigt?“ Louis schluckte.„Noch nicht, Meister. Der Operator war nicht so kooperativ wie ich angenommen hatte...Morgen wird es geschehen, wie Ihr es Euch gewünscht habt...ich verspreche es.“ Keine Reaktion, Louis` Nackenhaare stellten sich auf.„Ich hoffe, ich habe dir unser Problem vor deiner Abreise ausreichend verdeutlicht, Louis. Die Zukunft des Regimes steht auf dem Spiel, unsere Zukunft. Menschen sind wie Schafe, Louis. Sie wollen geführt und behütet werden...“, Beeps erklangen im Hintergrund, „...laß keine Wölfe in ihre Mitte, die ihren Glauben an unsere Vision zerstören könnten.“ Pause. „Wo befindet sie sich jetzt? Ist sie gut versteckt?“ Das geöffnete Fenster schlug leicht gegen die Wand und Louis schreckte kurz auf. Luther war nicht mal hier, und trotzdem fühlte Louis seine starke Präsenz, so, als ob der Regulator hinter ihm stehen würde.„Ich habe den entlegendsten Golgotha gewählt, den ich finden konnte, Meister.“„Ist sie alleine?“„Ein Ronin ist bei ihr. Er untersteht meinem Kommando...“„Ein Clanloser?“ Luther schien nicht begeistert zu sein.„Ja, Meister. Er ist entbehrlich. Niemand wird ihn vermissen...und er wird nicht zurückkehren.“„Ich verstehe. Kennt er das Mädchen? Weiß er, daß sie verbrannt werden soll?“ Klang Luthers Stimme besorgt?„Ich habe ihm verboten, den Transporter zu öffnen...falls doch, kann er nicht mit ihr reden. Ihre Sprache ist in unserer Welt nicht bekannt“, sagte Louis entschuldigend.„Er vielleicht nicht, aber...“, Luther dachte nach, „...wie lange war sie unsere Gefangene? Zwei Monate? Was, wenn sie mit ihm sprechen kann? Denkst du, er würde ihr helfen?“ Louis hatte diese Möglichkeit nicht bedacht, alles hatte sich so schnell entwickelt. Nervös klopfte er mit den Fingerspitzen auf die kalte Oberfläche des Tisches, und blickte besorgt zu Gabrielles Foto.„Auch wenn dieser Fall eintreten sollte, Meister. Das Mädchen wird auf jeden Fall sterben...ich habe vorgesorgt. Der Ronin kann nichts daran ändern.“

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Tuesday, August 10th 2010, 2:45pm

Sanft fuhr er mit den Fingern über Gabrielles Gesicht.„Ich vertraue dir, Louis. Du bist mein Meisterschüler...sorge dafür, daß nichts von ihr übrig bleibt. Die Schafe dürfen nie von ihrer Existenz erfahren. Sie muß verschwinden, so schnell wie möglich...“ Louis wollte etwas sagen, doch Luther sprach einfach weiter. „...enttäusch mich nicht Louis. Nicht jetzt...in dieser schwarzen Stunde.“ Eine Schweißperle lief über Louis` Stirn.„Natürlich, Meister. Ihr könnt Euch auf mich verlassen, wie immer.“ Leises Rauschen, dann Stille.Louis legte die Hände in den Nacken. So besorgt hatte er den Regulator noch nie erlebt. Die Gerüchte innerhalb der Bevölkerung gewannen stetig an Kraft. Im Norden liegt die Zukunft...Etwas lag in der Luft, er hatte es gespürt, als er vor einer Woche über den Platz des Administrations-Centers in Ankhrom gegangen war. Die Menschen flüsterten verstohlen miteinander, erzählten sich Geschichten über das Eis. Viele Seelen würden in nächster Zeit gereinigt werden müssen. Golgothas Feuer schrie nach frischem Fleisch.

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Mit feuchten Augen starrte er eines der stählernen Kreuze an, dessen Ketten leise im Wind klirrten. Mehrere menschliche Schädel baumelten an Stricken am höchsten Punkt des modernen Scheiterhaufens. Er sah abgenutzt aus.Dex klopfte Asche von seinem Stiefel, überprüfte den Sitz des versteckten Messers.Er konnte sich nicht richtig konzentrieren, war hin- und hergerissen. Aciel flehte ihn seit zwei Stunden unentwegt an, sie gehen zu lassen. Ihr Anblick war zuviel für ihn geworden, und er mußte kurz raus aus dem Van, brauchte Abstand. Die Mittagssonne brannte unbarmherzig auf ihn herab.Aciel war so...hilflos, und er hatte Mitleid mit ihr. Andererseits war er Söldner, hatte sich mit seinem guten Namen verpflichtet, dem Prediger zu dienen und seine Befehle auszuführen. Er wußte, auf was er sich eingelassen hatte. Wenn er jetzt desertierte, war er Geschichte. Rasterfahndung, Spezialeinheit und Ende.Verärgert trat er einem steinernen Löwen vor das Knie, während dieser seine Schwingen weit von sich streckte und ihn auszulachen schien.Aciel war etwas ganz Besonderes. Zu wertvoll, um verbrannt zu werden. Ihre Sprache, der Ort den sie ständig erwähnte, Tir Noelle. Konnte es möglich sein...? Er wagte nicht, auch nur daran zu denken, unterdrückte den Funken Hoffnung so gut es ging.Dex fuhr mit den geschwärzten Händen über sein Gesicht. Diese Entscheidung war eindeutig zu schwer für seine überlasteten Schultern.Aciels flehender Blick verfolgte ihn in seinen Träumen. Nachts und während des Tages.Er hatte sich für immer in sein Gehirn gefressen. Nach ihrer Hinrichtung würde er ihn Nacht für Nacht ertragen müssen. Warum Dex? Warum hast du mich verlassen?„Oh Mist...“, fluchte er und sah traurig in den grauen Himmel. „Warum ausgerechnet ich...?“Unentschlossen biß er sich auf die Unterlippe, dachte angestrengt nach und suchte nach einem Ausweg.„Brenn in der Hölle“, zischte er und gab schließlich auf. Er konnte Aciel nicht sterben lassen. Andererseits wollte er nicht an ihrer Stelle brennen.Dex würde den Celron entfernen, sich ein oder zwei Platzwunden zufügen und Louis erzählen, Plünderer hätten Aciel mitgenommen. Es war eine einfache Geschichte, aber ihm war nichts besseres eingefallen. Vielleicht zeigte Louis Verständnis. Sein Ruf wäre zerstört, aber Aciel würde leben.Er atmete tief ein, setzte ein etwas gezwungenes Lächeln auf und ging zurück zum Van.Aciels Gesicht war tränenverschmiert. Er hatte sie völlig aufgelöst zurückgelassen, und haßte sich jetzt dafür.„Dex...?“, begann sie unsicher, „...e-s tut...mein...m-ir leid, ja?“ Er legte den Finger auf seine Lippen, kniete sich neben ihr auf den Boden und begann leise zu reden.„Sh...es ist nicht deine Schuld, Aciel. Ich hatte Angst...“ Sie umklammerte zitternd seinen Arm.„I-ch werde...nic-ht mehr fragen, Dex. Bleib n-ur...nur bei mir. Bi-tte?“ Er schluckte.„Natürlich. Aciel...?“ Sie sah ihn mit ihren großen Augen erwartungsvoll an. „Ich werde dich gehen lassen.“ Aciel sah in verwirrt an. „Ich werde dich gehen lassen, verstehst du?“, wiederholte er und begann, ihre Fesseln zu lösen. Natürlich verstand sie, küßte zitternd seine Hand, während salzige Tränen über ihre Wangen liefen. Ein halbwegs zufriedenes Lächeln umspielte ihre brüchigen, vollen Lippen.„Da-nke, Dex. Tapadh leat...“Er streichelte beruhigend ihre Schulter, löste sich aus ihrem sanften Griff und öffnete eine Klappe an der Oberfläche des Celrons. Angestrengt sah er sich die Einstellungen auf dem kleinen Display an.Über das Menü Optionen konnte man die chronologischen Abstände und die Intensität einstellen.Dex aktivierte den Befehl „Intensität ändern“.„Zugriffsverletzung. Programm ist bereits aktiviert.“Verwirrt wechselte er in das Startmenü, während Aciel erwartungsvoll seine Bemühungen verfolgte. Er wählte den Eintrag `benutzerdefinierte Programme`, öffnete den Ordner `aktuell` und sah sich das gerade laufende Programm an. Er überflog mehrere Einträge, bis ihm plötzlich der Atem stockte. Es handelte sich um eine Exitus-Schleife. Die Intensität steigerte sich langsam. So lange, bis der Tod des Opfers eintrat. Die nächste Sequenz würde in einer halben Minute gestartet werden.Dex aktivierte den Menüpunkt `Programm beenden` und wartete. Eine Sub-Routine wurde verarbeitet, Beeps erklangen und die Festplatte begann zu arbeiten. 20 Sekunden.Dex wurde unruhig, bestätigte den Befehl erneut. Aciel bemerkte seinen skeptischen Blick, sagte aber nichts. 15 Sekunden.Plötzlich öffnete sich ein PopUp-Fenster: „Zugriff verweigert – Code eingeben!“Dex fluchte leise. Er versuchte es noch einmal, mit dem gleichen Ergebnis. Louis hatte den Zugriff eingeschränkt, Dex konnte nichts dagegen tun. Traurig wich er Aciels fragendem Blick aus.Er konnte ihr nicht mehr in die Augen sehen und hob entschuldigend die Schultern, brachte kein Wort heraus. 10 Sekunden.„Dex...? War-um...? Ich...“ Der Generator begann zu brummen, und Aciel verstand. 5 Sekunden.Tränen liefen über ihre Wangen, als Dex sie festhielt und zu Boden drückte.4 – 3 – 2 – 1 – Aus.

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Luther war auf dem Weg in das Allerheiligste. Als er den plexiglasverstärkten, transparenten Verbindungstunnel im fünfunddreissigsten Stockwerk des HQ durchquerte, betrachtete er ehrfürchtig die ihn umgebende Szenerie. Unzählige, geschwärzte Wolkenkratzer, die mit Verbindungselementen jeglicher Art verbunden worden waren, bildeten ein Netzwerk aus Stockwerken, Etagen und Ebenen. Das Meer aus Stahl, Beton und Plastik erstreckte sich unendlich in alle Richtungen. So weit man sehen konnte, und darüber hinaus.Der Megaplex von Ankhrom, war die Hauptstadt des Regimes. Abgesehen davon gab es noch zwei weitere Plexe, die die Kriege überstanden hatten. Zwischen ihnen hatten sich einige vorstadtähnliche Siedlungen entwickelt, sonst gab es nur noch Asche. Die über hundert Jahre andauernden Kriege hatten fast alle Rohstoffe seiner Welt aufgezehrt, der Fortschritt hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Viele Errungenschaften der modernen Medizin, Technik und Elektronik waren heute nicht mehr möglich. Hunger und Krankheit waren wieder an der Tagesordnung, Degression statt Progression Programm.Luther öffnete eine Luke. Nachdem seine Handfläche gescannt worden war, betrat er einen streng bewachten, geräumigen Korridor und setzte seinen Weg unbeirrt fort.Ankhrom war in Sektoren unterteilt worden. Jeder Sektor wurde durch ferngesteuerte Drohnen überwacht, tausende Kameras zeichneten das Leben auf allen stark frequentierten, öffentlichen Plätzen auf, und Zivilfahnder machten ununterbrochen Stichproben bei nicht konform wirkenden Passanten.Und trotz all dieser Kontrollinstrumente konnten gewisse Gerüchte nicht unterdrückt, bekannte Demagogen nicht ausfindig gemacht werden. Der Mob roch Infiltratoren hundert Meter gegen den Wind, Märtyrer erstanden aus den Flammen der Golgothas, stärkten die Hoffnung und Überzeugung des Widerstands. Der Pöbel war motiviert wie nie zuvor. Es war Zeit, daß jemand dieser Entwicklung Einhalt gebot.Luther mußte mehrere Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen, bis er einen schweren Aufzug erreicht hatte, der ihn sanft in die hundertzwanzigste Etage beförderte. Ein letzter Scan seiner Retina öffnete die Aufzugstüren und er betrat den Thronraum.Schwarzer Marmor, durchsetzt mit roten Fliesen, bedeckte den beheizten Boden. Die letzten Sonnenstrahlen des ausgehenden Tages fielen durch eine gewaltige Fensterfront, durchbrachen schleierhaft die rauchgeschwängerte Luft, und bildeten grelle Reflexe auf der chromverstärkten , halbkreisförmigen Sitzgruppe die gegenüber des Throns errichtet worden war. Die zehn Ledersessel waren leer, der Thron wirkte verstaubt.Luther ging nachdenklich zu der hohen Fensterfront, blickte besorgt auf die Innenstadt Ankhroms herab, und verschränkte die Arme hinter seiner schwarzen Kutte.„Ah, Regulator Luther“, erklang eine technisch veränderte, uralte Stimme hinter ihm. Luther nickte demütig.„Imperator...“ Luther starrte fasziniert auf ein Dutzend Schläuche und Drähte, die den Körper des Imperators durchzogen, wie ein Metallgerüst Betonplatten. Ein moderner Lungenautomat war implantiert worden, der schwere Atemgeräusche erzeugte. „Ich grüße Euch, Begründer des Golgotha..“ Der alte, von pergamentartiger Haut umspannte Schädel begann zu grinsen.„Genug der Schmeichelei, Regulator.“ Er legte seinen biomechanischen Arm auf Luthers Schulter. Der alte Teufel roch förmlich nach Tod. Dieser Mann hatte unzählige Völker vernichtet und Millionen von Kreaturen in den Tod geschickt. Nur um seiner Rasse die uneingeschränkte Herrschaft und Evolution zu ermöglichen. In Luthers Augen war er ein Gott...„Nun, mein Sohn...“, begann er lauernd, „...ist sie beseitigt worden?“ Luther konnte seinem stechenden Blick nicht standhalten.„Morgen wird sie von der Oberfläche dieser Welt verschwinden. Mein Meister-Adept kümmert sich persönlich darum.“„Sehr schön.“ Der Imperator zog zufrieden seinen Arm zurück. „Unsere Vermutungen haben sich bestätigt...“ Luther horchte auf. „Vermutlich existiert im Norden, versteckt im ewigen Eis, eine vergessene Kultur. Unsere Analysten stellen zur Zeit mehrere mögliche Szenarien auf.“ Luther erinnerte sich an die Region, in der das Mädchen von einer Patrouille aufgegriffen worden war. Sie befand sich nahe des Eismeers, das die natürliche Grenze zur dahinter liegenden Eiswüste bildete.Das Regime war nie an einer Erforschung interessiert gewesen. Keine Bodenschätze, zu unwirtlich.„Die Generäle schmieden erste Pläne, Taktiker und Strategen diskutieren bereits über mögliche Invasionsmethoden...“, die alten Augen leuchteten erregt, „...wir ziehen wieder in den Krieg, Luther. Bald ist es soweit. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.“ Luther verstand.Krieg bedeutete Ablenkung. Der Mob würde das Regime unterstützen, der Widerstand innerhalb der Bevölkerung brechen. Wenn sie sich töteten, konnten sie sich nicht langweilen und subversiven Gedanken hinterher jagen.„Ich verstehe...“„und deshalb...“, unterbrach ihn der Imperator, „muß daß Mädchen verschwinden. Sie darf auf keinen Fall vor unserer Offensive die Bildfläche betreten. Die Menschen sind schwach...Niemand darf etwas über sie oder ihr Volk erfahren. Jeder, der etwas weiß, muß beseitigt werden.“ Röchelnd ging der Alte zu seinem Thron, ließ sich vor Anstrengung stöhnend darauf nieder und gebot Luther, gegenüber Platz zu nehmen. „Und ich meine jeder, der etwas weiß, Luther.“Luther sah ihn verwirrt an.„Louis...?“ Er unterdrückte seine Überraschung, verfluchte den Imperator.„Luther. Was ist schon ein Leben, um das einer ganzen Gesellschaft zu erhalten?“ Luther sah betreten zu Boden. Nachdem er sich wieder unter Kontrolle hatte, blickte er dem Alten verachtend in die kalten Augen. „Es gibt keine Ausnahmen, Luther. Mein Wille ist Gesetz, es geht um das Wohl aller.“ Ein schriller Ton ertönte und der Imperator beendete das Gespräch.Luther kochte vor Wut, während er im Fahrstuhl nach unten fuhr. Seine Zeit würde kommen... Bis es soweit war, würde er die Befehle des Imperators befolgen müssen.Er dachte an seinen Schüler und schloss verärgert die Augen.

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Der schwarze, unter der heißen Nachmittagssonne flimmernde Fleck kam schnell näher. Er zog eine lange Wolke aufgewirbelter Asche hinter sich her.Dex war nervös. Aciels Zustand hatte sich merklich verschlechtert. Der Celron konnte nicht entfernt werden, ohne sie zu töten. Schließlich hatten sie sich verzweifelt in ihr Schicksal ergeben.Dex war die Nacht wach geblieben, hatte über seine schwierige Situation nachgedacht und eine Entscheidung getroffen. Er atmete tief ein, hob zitternd die Hand zum Gruß.Der grün-beige Humvee hielt wenige Meter von ihm entfernt, eingehüllt in eine Aschewolke.Ein riesiger, breiter Mann stieg von der Ladefläche herab. Er trug einen mobilen Flammenwerfer bei sich und hatte einen gewaltigen Gastank auf den Rücken geschnallt. Der Operator machte sich sofort daran, die Fernbedienung für die Kreuze seines Gologthas bereit zu machen.Louis, der Prediger, war gefahren. Ihm folgten zwei Männer, die Dex sofort skeptisch begutachteten. Söldner.Louis hielt Distanz. „Dex...“ Louis nickte ihm zu. „Ist etwas passiert, das ich wissen sollte?“ Sein stechender Blick musterte Dex, nachdem er die offenstehende Heckklappe des Vans bemerkt hatte.„Nichts, das wichtig genug wäre, Louis.“ Der Prediger legte den Kopf schief, lächelte verschlagen.„Natürlich, Dex...“ Louis wandte sich an die Söldner. „Holt sie! Und beeilt euch!“ Die Männer hetzten zum Van, machten einen großen Bogen um Dex, der jeden ihrer Schritte genau verfolgte.„Du hast deine Aufgabe erfüllt, Dex. Ich bin sehr zufrieden mit deiner Arbeit“, sagte er vorsichtig. „Es gibt keinen Grund, die Sache jetzt eskalieren zu lassen, nicht wahr?“ Louis beobachtete Dex` Verhalten.„Das sehe ich genauso, Louis. Ich will nur meinen Lohn...heute noch.“ Louis lächelte noch immer.Die beiden Söldner schleiften Aciel grob über den Boden. Sie weinte bitterlich, flehte um ihr Leben und starrte Dex ungläubig an. Er mußte seinen Blick abwenden.„Dex? Hi-lf mir...Bi-tte...“ Louis Lächeln erstarb.„Halt`s Maul, Schlampe“, keifte einer der Männer und schlug ihr ins tränenüberströmte Gesicht. Der Rothaarige grinste Dex an, griff in Aciels Haare und schleifte sie weiter. Der zweite Söldner, ein dürrer Blonder, postierte sich in seinem Rücken.„Du hast dich wohl nicht ganz an meine Befehle gehalten, wie ich sehe?“ bemerkte Louis lauernd.Dex hob nur entschuldigend die Schultern.„Sie ist noch da. Also wo ist das Problem?“ Plötzlich stand eines der großen Stahlkreuze in Flammen. Avram grinste übers ganze, feiste Gesicht. Er hielt die kleine Fernbedienung in seinen fleischigen Händen und regelte die Zufuhr des Napalm-Gemischs. Er freute sich wie ein kleines Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hatte.„Ja, sie ist noch da. Und du sollst deine Belohnung haben“, fuhr Louis fort. Nachdem der Rothaarige Aciel mit Handschellen an das Kreuz gefesselt hatte, winkte Louis ihn zu sich. Dex mußte schwer Schlucken, als er Aciels verzeifelten Blick bemerkte, den sie stur auf ihn gerichtet hielt, während Avram sich einen Spaß daraus machte und mit seinem Flammenwerfer auf sie zielte. Dex konnte seine Wut kaum noch unterdrücken. Aber es half nichts.„Castor“, Louis wandte sich an den Rothaarigen. „Gib Dex die versprochene Belohnung.“ Er deutete hinter den Van. „Pollux, geh mit ihm.“ Die Söldner nickten grinsend. „Er hat sie sich verdient...“ Louis ging zu Avram, der ungeduldig die Fernbedienung in den Händen hielt.Dex rannte die Zeit davon. Nervös beobachtete er Castor, der gleich bei ihm sein würde.„Na los. Gehen wir“, sagte der Söldner forsch. Louis ging in die Knie, begann die Bänder seines Stiefels zu binden.„Einen Augenblick noch...“ Castor grinste.„Die brauchst du nicht mehr.“ Dex sah, wie Louis Avram zurückhielt. „Was weißt du schon“, sagte er provozierend. Louis ging zu Aciel, machte sich an dem Celron zu schaffen.„Mehr als du denkst...“ Castor kickte ihm eine Ladung Asche ins Gesicht. „Los Pollux, gib Dex die Belohnung.“ Louis hatte den Celron gerade entfernt, als hinter Dex eine Waffe entsichert wurde.„Brenn in der Hölle...“, fauchte er leise. Castor kniff verwirrt die Augen zusammen, als er sein verborgenes Messer zog, aufsprang und ihm den kalten Stahl in den Hals rammte, herumdrehte, und brutal nach rechts herausriß. Eine Blutfontäne spritzte auf den Boden, während Castor gurgelnd versuchte, die Wunde mit seiner Hand zu schließen. Dex riß ihn herum und benutzte ihn als Schutzschild gegen Pollux. Der Körper des Rothaarigen bäumte sich unter den Einschlägen des Kleinkalibers auf. Dex verkürzte die Distanz, warf Castors Leiche auf den blonden Mann und schleuderte sein Messer in Pollux` Schädel. Er nahm ihm die Hämmerli ab, während der Blonde zuckend zusammensackte und hetzte zum Van.Als Louis Dex bemerkte, zog er einen schweren Colt und zielte auf Aciel, die sich schluchzend in ihren Fesseln wand.„Avram! Er soll brennen!“ Der Operator grinste über beide Ohren, hielt seinen Flammenwerfer im Anschlag und stürmte vor. Dex mußte sich entscheiden. Aciel oder...Während er zum Van lief, begann er auf Louis zu feuern. Der Prediger fluchte und warf sich hinter einem Gargoyle in Deckung. Avram schickte eine Ladung Napalm in Dex` Richting, als dieser unter den Van hechtete.Eine heiße Hitzewolke hüllte ihn ein, und er begann nach Luft zu schnappen. Seine Lungen brannten, schrien nach Wasser.Dex zitterte am ganzen Körper, Adrenalin trieb ihn an. Er holte die HK-Delta, die er vor ein paar Stunden in einem der Radkästen versteckt hatte hervor, wühlte sich durch die Ascheverwehung der letzten Nacht und durchsiebte den Operator, bis das Magazin leer war. Avrams Tank explodierte in einem gewaltigen Feuerball, die Druckwelle zerriß ihn in tausend Stücke. Aciel schrie vor Schmerzen, als mehrere glühende Splitter ihr Fleisch durchbohrten.Dex entfernte sein Katana vom Fahrzeugboden des Van, rollte sich unter dem brennenden Wrack hervor und hetzte weiter.Louis begann zu feuern, während Dex im Zickzackkurs auf ihn zu stürmte. Seine Augen brannten, die Explosionswolke des Napalmtanks hatte ihn voll erwischt. Schließlich ließ er die leere Waffe fallen, zog seinen Säbel und ging Dex entgegen.Knapp voneinander entfernt, blieben sie schwer atmend stehen. Avrams Fernsteuerung lag zwischen ihnen, in der Asche und dem Blut seiner Eingeweide.„Was erhoffst du dir nur davon?“ Louis` Augen tränten. „Wie hat sie dich rumgekriegt, hm? Hat sie dir von ihrer Heimat erzählt?“ Dex horchte auf. „Der Haufen Eis ist es nicht wert, dafür zu sterben.“ Angewidert sah er zu Aciel, die bewußtlos am Kreuz hing. „Hexe...verdammte Hexe.“Sie bewegten sich lauernd im Kreis, um die Fernsteuerung herum.„Wo willst du hin mit ihr? Denkst du, wir finden dich nicht?“ Louis machte eine ausholende Bewegung mit den Armen. „Hier existiert nichts mehr, also wohin? Du schaffst es nie nach Norden...“ Dex hörte seine Worte, folgte ihnen jedoch nicht. Er konzentrierte sich nur auf Louis Bewegungen.„Das Miststück ist eine Bedrohung für unsere gesamte Gesellschaft, Dex. Sie darf diesen Ort nicht verlassen, verstehst du?“ Er fuhr sich mit dem Handrücken über die geröteten Augen. „Ich werde meine Freunde, meine Welt vor ihr beschützen. Um jeden Preis.“ Louis trat entschlossen vor und wollte die Fernsteuerung aufheben.„In deiner Welt gibt es nichts für mich, das wert wäre, gerettet zu werden...“, entgegnete Dex. „Hier schon...“ Er biß die Zähne zusammen, parierte Louis` halbherzigen Stich und trieb ihm den Stahl tief zwischen die Rippen. Luft wurde aus den Lungen des Predigers gesaugt, als er japsend zusammenbrach. Seine Augen bohrten sich tief in Dex` Gedächtnis, Blut lief ihm aus dem Mund und er mußte husten. Die Verletzung war zu schwer, als daß er sie überleben konnte. Louis versuchte krampfhaft, etwas aus seiner Tasche zu ziehen während er sein Leben aushauchte, doch es gelang ihm nicht. Flehend starrte er Dex an.Dex holte es für ihn und drücke das Foto einer jungen, hübschen Frau in seine zitternden, blutverschmierten Hände. Louis nickte zufrieden. Dann begannen seine Augenlider zu flattern.Dex ließ ihn liegen, ging schnell zu Aciel und befreite sie von ihren Fesseln.Vorsichtig trug er sie zu dem Humvee.„Dex? Bist du da?“ Aciel vergrub ihren Kopf an seinem Hals.„Ja, Aciel.“ Er versuchte zu lächeln. „Es ist vorbei, du bist frei.“ Sie redete klar. Zum erstenmal verstand er das Mädchen ohne Probleme. „Alles in Ordnung?“ Aciel schmiegte sich noch näher an ihn heran.„Ja, Dex“, sie strich mit einer Hand über die Stelle, an der vor kurzem noch der Celron befestigt gewesen war. „Ich erhole mich schnell. Jetzt, da er fort ist...ohne dich hätte ich es nicht geschafft, Dex.“ Er drückte sie fest an sich.„Ich bring dich nach Hause, Aciel.“„Nach Hause...“, wiederholte sie abwesend. „Tir Noelle...“Als sie ihn ansah, leuchteten ihre Augen bläulich, und ihre Aura erstrahlte in glänzendem Silber.„Gum biodh rath le do thurus“, hauchte sie leise. „Möge deine Suche erfolgreich sein.“Dex lächelte zufrieden.„Das ist sie schon...“
Ende

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